Kreisel statt Ampel: Was der erste Newsroom Summit über Effizienz, KI und den Faktor Mensch zeigte
Rund 160 Kommunikationsfachleute, ein ausverkaufter Anlass und ehrliche Einblicke: Der erste Corporate Newsroom Summit der Schweiz hat gezeigt, wie reif das Thema ist – und wo die Arbeit erst beginnt.
Draussen regnete es, der erste richtige Herbsttag. Drinnen im Hotel Kreuz in Bern war die Stimmung dagegen von Beginn an warm. Am 21. Oktober 2026 fand die erste Branchenkonferenz zum Corporate Newsroom in der Schweiz statt, schon Wochen vorher war sie ausverkauft. Eine Umfrage per QR-Code zeigte, wie praxisnah das Publikum war: 75 Prozent der Teilnehmenden arbeiten bereits in einem Unternehmen mit Newsroom-Struktur.
«Es ist ein Meilenstein für die Branche», sagte Mitgründer Benjamin Blaser. «Es hat noch nie eine Branchenkonferenz in der Schweiz gegeben. Die Newsrooms sind definitiv in der Schweiz angekommen.» Den überschaubaren Rahmen hatte das Team bewusst gewählt, damit genug Raum fürs Netzwerken bleibt.
Aus der Praxis, für die Praxis
Unter dem Motto «Erfahrungen aus der Praxis – heute und morgen» führte Moderator Mattia Büttikofer durch den Halbtag. Zum Auftakt gab Stephanie Jutzi, Leiterin Kommunikation & Public Affairs der SRG, Einblick in den neuen, überregionalen Newsroom der seit sechs Monaten in Betrieb ist. Teams aus mehreren Sprachregionen in ein gemeinsames Mindset zu bringen, sei anspruchsvoll. «Das Denken in Rollen muss gelernt werden», so Jutzi.

Danach verteilte sich das Publikum auf vier Breakout-Sessions: KI im Newsroom, Kulturwandel, Aufbau eines Newsrooms und die Frage, wo der Newsroom zwischen Corporate und Journalismus steht. Mit Live-Umfragen, hochkarätigen Referent:innen und Inputs aus dem Publikum entstanden rege Austausche.
Die Artikel zu den einzelnen Referaten werden in den nächsten Tagen und Wochen fortlaufend auf newsroominsights.ch veröffentlicht.
Teilnehmerin Michèle sagte:
«Wir bewegen uns ja alle in einer Bubble, und es war schön zu hören, dass offenbar alle etwas mit den gleichen Themen kämpfen.»
Podium «What’s next»: Kreisel statt Ampel
Den Schlusspunkt auf der Bühne setzte das Podium mit Stephanie Jutzi, Christoph Moss (Mediamoss) und Diana Ingenhoff, Professorin für Organisationskommunikation und Public Diplomacy an der Universität Freiburg. Ingenhoff stellte erste Ergebnisse der neuen Studie vor, die untersucht, wie viel effizienter Unternehmen mit Newsroom sind. Ihr Bild: Ohne Newsroom funktioniere ein Unternehmen wie eine Ampelkreuzung, an der alle aufeinander warten. Mit Newsroom gleiche es einem Kreisverkehr, in dem Themen hinein- und hinausfliessen.
Erfolge zeigten sich schnell, sagte Jutzi: «Die ersten Verbesserungspotenziale liegen schnell auf der Hand.» Moss bestätigte das aus seiner Praxis. Nun könne man auch dem C-Level «schwarz auf weiss» zeigen, wie die Betroffenen die Veränderung wahrnehmen.

Wie überzeugt man Skeptiker:innen?
Das stärkste Argument sei die Messbarkeit, so Ingenhoff: Die Wirkung lasse sich konkret belegen. Moss entkräftete die Sorge vor noch mehr Arbeit, denn nach der Einführung eines Newsrooms gingen die Überstunden nachweislich zurück. Ingenhoff warnte aber: «Man muss aufpassen, dass die Aussage nicht plötzlich umschlägt in ‹dann können wir ja Stunden einsparen›.» Besser sei, gleich zu klären, wo die freien Stunden sinnvoll eingesetzt werden.
Jutzi sprach offen über ihren Alltag. Der Geschäftsleitung habe sie zunächst viele Modelle gezeigt und gemerkt: «Wir waren zu kompliziert.» Als das Management fürchtete, plötzlich viele Ansprechpersonen zu haben, stellte sie klar: «Ich bleibe eure Ansprechperson, aber wir organisieren uns intern anders.» Sie sagte aber auch:
«Am Anfang fällt mehr Arbeit an, das muss man schon sagen. Mein Team ächzt aktuell etwas darunter.»
KI: Agenten als «kompletter Game Changer»
Aktuell stehe man bei der KI erst am Anfang, bei Texten und Grafiken, so Ingenhoff. Die Zukunft gehöre Agentensystemen, die Kommunikationsabteilungen umkrempeln würden. Dafür brauche es Daten und weniger Silos. Der Gewinn: mehr Zeit für den Menschen - etwa Beziehungspflege: «Dort können wir nicht durch eine KI ersetzt werden», sagte Jutzi. Und Moss erinnerte: «Am Schluss ist es noch immer der Mensch, der die Fäden hält.»
Zum Schluss liess eine Aussage von Proffessorin Ingehoff das Publikum aufhorchen: Der Newsroom könnte künftig so selbstverständlich im Unternehmen aufgehen, dass er nur noch eine Arbeitsweise ist. Für die interne Vermittlung brauche es das Label vorerst noch. Moss, von Büttikofer als «Newsroom-Vater» vorgestellt, hielt dagegen: Für ihn gebe es natürlich kein anderes Modell.
Wird der Newsroom in fünf Jahren nur noch eine Arbeitsweise sein?
Ja, er geht selbstverständlich im Unternehmen auf
Teils: Das Label bleibt für die interne Vermittlung nötig
Nein, es braucht weiterhin eine eigene Struktur
Vom Experiment zur Reihe
Martina Rettenmund aus dem Gründungsteam fasste zusammen: «Nicht die Struktur schafft eine effiziente und zielgerichtete Kommunikation, sondern die Menschen dahinter. Die Newsrooms schaffen jedoch Strukturen, die das unterstützen.»
Offen blieb für manche, wie sich KI korrekt und effizient in einen Newsroom integrieren lässt, vielleicht ein Thema für die nächste Ausgabe. Diese ist gesetzt: Am Dienstag, 26. Oktober 2027, geht der Summit in Zürich in die zweite Runde. «Für uns war es ein Experiment, und ich glaube, wir dürfen sagen: Es hat funktioniert», hiess es unter spontanem Applaus.
Für den Stehlunch forderte Büttikofer die Gäste auf, jemanden anzusprechen, den sie noch nicht kennen und erklärte den Linking-Gap. Das Netzwerken sollte brav folgen.



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